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Wärmepumpe bei -20 °C: Funktioniert sie wirklich auch im Winter?
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Wärmepumpe bei -20 °C: Funktioniert sie wirklich auch im Winter?

Funktioniert eine Wärmepumpe bei -15 °C oder -20 °C? Ja – und besser als die meisten denken. Wir zeigen Felddaten, Effizienzkurven und was bei der Auslegung zählt.

Simply Energy6 Min. Lesezeit

Kurzgesagt: Moderne Wärmepumpen heizen problemlos bis -25 °C. Bei -10 °C liegt der COP typischer Geräte zwischen 2,5 und 3,0 – damit bleibt der Stromverbrauch wirtschaftlich. In Deutschland fallen unter -15 °C im Schnitt nur 0–5 Tage pro Jahr an, an denen der eingebaute Heizstab kurzzeitig zugeschaltet wird.

Der hartnäckigste Mythos rund um die Wärmepumpe lautet: "Die geht doch im Winter aus." Diese Sorge stammt aus den 1990er-Jahren, als frühe Geräte tatsächlich bei -7 °C auf Heizstab umschalteten. Die Technik hat sich seitdem zwei Generationen weiterentwickelt – heute liefern Inverter-Wärmepumpen mit modernem Kältemittel selbst in skandinavischen Klimazonen 80 % der Jahreswärme aus dem Verdichter.

Trotzdem hält sich der Mythos. Wir gehen ihn anhand realer Felddaten und physikalischer Grundlagen Schritt für Schritt durch.

Wie Wärmepumpen Wärme aus kalter Luft gewinnen

Selbst Luft mit -20 °C enthält Wärmeenergie. Der absolute Nullpunkt liegt bei -273 °C – jeder Wert darüber bedeutet Bewegungsenergie der Luftmoleküle, die theoretisch nutzbar ist.

Die Wärmepumpe nutzt diesen Effekt mit einem geschlossenen Kältemittelkreislauf:

  1. Verdampfer (Außengerät): Das flüssige Kältemittel verdampft schon bei -30 °C oder kälter, weil es unter Niederdruck steht. Dabei nimmt es Wärme aus der Außenluft auf.
  2. Kompressor: Verdichtet das gasförmige Kältemittel und erhöht dadurch dessen Temperatur drastisch (z. B. von -10 °C auf +80 °C).
  3. Verflüssiger: Das heiße Gas gibt seine Wärme an das Heizwasser ab und kondensiert wieder.
  4. Expansionsventil: Senkt den Druck wieder ab, der Kreislauf beginnt von vorn.

Solange die Außenluft wärmer ist als das verdampfende Kältemittel (typisch -30 bis -40 °C), funktioniert das Prinzip. Praktisch bedeutet das: bis ca. -25 °C arbeiten alle modernen Geräte zuverlässig, viele sogar darunter.

Realdaten: COP-Verlauf über die Außentemperatur

Der COP (Coefficient of Performance) sagt dir, wie viel Wärme aus einer Kilowattstunde Strom wird. Hier typische Werte einer modernen Luft-Wasser-Wärmepumpe (R290) mit Vorlauf 35 °C:

Außentemperatur COP Bedeutung
+12 °C 5,0 aus 1 kWh Strom werden 5 kWh Wärme
+7 °C 4,3 klassischer Datenblatt-Punkt A7/W35
+2 °C 3,5 typischer Wintermittelwert
-7 °C 2,7 Auslegungspunkt vieler Anlagen
-10 °C 2,5 weiterhin wirtschaftlich
-15 °C 2,1 seltene Frosttage
-20 °C 1,8 extreme Ausnahmefälle

Selbst bei -20 °C liefert die Wärmepumpe also noch das 1,8-fache der eingesetzten Strommenge an Wärme. Eine elektrische Direktheizung schafft dauerhaft nur den Faktor 1,0 – die Wärmepumpe ist auch bei Extremkälte 80 % effizienter.

Norm-Außentemperatur: worauf wirklich ausgelegt wird

Eine Wärmepumpe muss nicht für irgendeinen Worst Case dimensioniert sein – sondern für die Norm-Außentemperatur deiner Region. Sie ist in DIN/TS 12831-1 für jede Postleitzahl tabelliert:

Region Norm-Außentemperatur
Hamburg, Norderstedt -10 °C
Köln, Düsseldorf -10 °C
Frankfurt am Main -12 °C
Berlin, Potsdam -14 °C
München (Stadtgebiet) -16 °C
Garmisch-Partenkirchen -18 °C
Hochlagen Bayerischer Wald -20 °C

Eine Wärmepumpe wird so ausgelegt, dass sie bei dieser Auslegungstemperatur die volle Heizlast allein abdeckt – ohne Heizstab. Reserve gibt der Hersteller in den Datenblättern bis zur Bivalenztemperatur an: ab dort schaltet der Heizstab unterstützend zu.

Konkret: Eine 8-kW-Wärmepumpe in Berlin liefert bei -14 °C noch 8 kW Wärme. Erst wenn das Thermometer an einem extremen Tag auf -18 °C fällt (statistisch alle 5–10 Jahre), gibt der Heizstab eine Stunde lang Unterstützung – die meisten Hausbesitzer merken davon nichts.

Wer wissen will, welche kW-Klasse für sein Haus passt, sollte die Norm-Heizlast berechnen lassen. Mehr dazu im Heizlast-Ratgeber.

Was aus Felddaten wirklich bekannt ist

Das Fraunhofer ISE betreibt seit 2007 mehrjährige Feldtests an Bestandsanlagen. Die Ergebnisse aus dem 2024er-Update mit Fokus auf Kältephasen:

  • Heizleistung jederzeit ausreichend: In über 95 % der Anlagen wurde der eingestellte Sollwert auch in Kältewellen ohne Komfortverlust gehalten.
  • Heizstab-Anteil sehr gering: Im Mittel 1–4 % der Jahreswärme. Selbst während der Februar-2021-Kältewelle (zeitweise -19 °C in Süddeutschland) lag er unter 8 %.
  • Jahresarbeitszahl im Bestand: Luft-Wasser-Geräte erreichten im Mittel 3,1 (Median 3,2). Anlagen mit vorbildlicher Auslegung erreichten über 4,0.
  • Hauptproblem nicht die Kälte: Effizienzverluste resultieren überwiegend aus zu hohen Vorlauftemperaturen, schlecht eingestellten Heizkurven und fehlendem hydraulischem Abgleich – nicht aus Wintertemperaturen.

Diese Daten beziehen sich auf reale Häuser, nicht auf Laborwerte. Sie zeigen: Die Sorge "geht im Winter aus" ist empirisch unbegründet.

Die häufigsten Auslegungsfehler – und wie du sie vermeidest

Wenn eine Wärmepumpe im Winter trotzdem schwächelt, liegt es fast immer an einem dieser Fehler:

1. Zu kleine Heizlast-Berechnung. Faustformel-Auslegung ohne echte DIN-Berechnung kann den Bedarf um 20–40 % unterschätzen. Folge: Heizstab springt häufig an, JAZ sinkt, Stromrechnung steigt.

2. Zu hohe Vorlauftemperatur. Eine Anlage, die im Winter mit 60 °C Vorlauf läuft, halbiert den COP gegenüber einer 45-°C-Auslegung. Vor dem Einbau prüfen: Können die bestehenden Heizkörper bei niedrigerer Temperatur das Haus warm halten?

3. Falsch eingestellte Heizkurve. Häufigster Effizienzkiller im laufenden Betrieb. Ab Werk sind Heizkurven oft zu steil eingestellt – das kostet schnell 20 % Mehrverbrauch im Winter.

4. Keine Optimierung des hydraulischen Abgleichs. Ohne Abgleich heizen die nächstgelegenen Heizkörper über, die entferntesten unter. Die Steuerung kompensiert mit höherer Vorlauftemperatur – Effizienzverlust 5–15 %.

5. Fehlender Pufferspeicher bei sehr kleinen Wärmeflächen. In Häusern mit wenigen Heizkörpern kann die Wärmepumpe takten. Ein 50–100-l-Reihenpuffer löst das Problem zuverlässig.

Diese Faktoren entscheiden mehr über den Wintererfolg als das Klima – und alle sind durch eine professionelle Auslegung beherrschbar. Im Detail erklärt unser JAZ-und-COP-Ratgeber, wie sich diese Faktoren auf die Effizienzkennzahlen auswirken.

Wärmepumpe in Skandinavien: der ehrliche Praxistest

Wer immer noch zweifelt, sollte nach Norden schauen. In Norwegen läuft seit Jahren über die Hälfte aller Heizungen mit Wärmepumpen – bei mittleren Wintertemperaturen, die deutlich unter mitteleuropäischen liegen:

Land Anteil Wärmepumpen Mittlere Wintertemperatur
Norwegen ~60 % -3 bis -8 °C
Schweden ~45 % -2 bis -10 °C
Finnland ~40 % -5 bis -15 °C
Deutschland ~12 % (Bestand) 0 bis -5 °C

Norwegen verkauft pro Kopf zehnmal so viele Wärmepumpen wie Deutschland. Das wäre nicht der Fall, wenn die Geräte im Winter schwächeln würden. Die Realität: Skandinavische Hersteller wie Nibe, CTC oder IVT sind genau wegen dieser Bedingungen technologische Vorreiter.

Wann ein Heizstab anspringt – und warum das gut ist

Jede moderne Wärmepumpe hat einen elektrischen Heizstab integriert. Er übernimmt drei Aufgaben:

  1. Notbetrieb bei Kompressorausfall (selten, aber wichtig)
  2. Legionellen-Aufheizung des Trinkwarmwassers (60–65 °C, einmal pro Woche oder Monat)
  3. Spitzenlast bei extremer Kälte unterhalb der Bivalenztemperatur

Punkt 3 erscheint vielen als Schwäche – tatsächlich ist es sinnvolle Auslegungsphilosophie. Eine Wärmepumpe nur für die wenigen extremsten Tage des Jahres größer auszulegen, würde bedeuten: 360 Tage zu groß, taktet ineffizient, kostet im Einkauf 1.500–3.000 € mehr. Stattdessen deckt der Heizstab elegant die letzten 1–4 % der Jahreswärme.

Faustregel: Wer mehr als 5 % seines Jahresverbrauchs über den Heizstab fährt, hat ein Auslegungsproblem – nicht ein Klimaproblem.

Fazit: Im Winter funktioniert sie. Punkt.

Die Sorge, eine Wärmepumpe könne im deutschen Winter ausfallen, ist 30 Jahre alt und technologisch überholt. Moderne Anlagen liefern bis -25 °C zuverlässig Wärme, der COP bleibt selbst bei -15 °C über 2,0, und der eingebaute Heizstab fängt die wenigen Extremtage pro Jahr ab.

Was tatsächlich entscheidet, ob deine Wärmepumpe im Winter wirtschaftlich läuft, sind nicht die Außentemperaturen – sondern die Auslegungsqualität deines Installateurs. Eine korrekt berechnete Heizlast, eine niedrige Vorlauftemperatur, ein sauberer hydraulischer Abgleich und eine richtig eingestellte Heizkurve sind wichtiger als jeder zusätzliche Kilometer im Datenblatt.

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Häufig gestellte Fragen

Funktioniert eine Wärmepumpe wirklich bei -20 °C?

Ja. Moderne Luft-Wasser-Wärmepumpen mit modulierender Inverter-Technik halten den Heizbetrieb bis -25 °C aufrecht. Der COP sinkt bei -15 °C auf etwa 1,8–2,3, der elektrische Heizstab springt nur an wirklich extremen Tagen (in Mitteleuropa 0–5 Tage pro Jahr) ergänzend an.

Verbraucht die Wärmepumpe im Winter sehr viel Strom?

Sie verbraucht mehr als im Frühling – das ist physikalisch zwangsläufig. Aber moderne Anlagen liefern bei -10 °C noch einen COP von 2,5 bis 3,0. Im Jahresmittel liegt die Jahresarbeitszahl bei 3,0 bis 4,0. Anders gesagt: Selbst die kalten Tage drücken den Jahresdurchschnitt nicht unter wirtschaftliche Werte.

Was passiert, wenn der Strom ausfällt?

Genau dasselbe wie bei einer Gasheizung – auch die braucht Strom für Pumpen und Steuerung. Ein Standard-Stromausfall in Deutschland dauert im Mittel 12 Minuten pro Jahr. In dieser Zeit kühlt ein gut gedämmtes Haus kaum messbar ab. Wer maximale Sicherheit will, kann eine Notstromfähigkeit (z. B. Batteriespeicher mit Notstromfunktion) ergänzen.

Brauche ich an kalten Tagen eine zweite Heizung?

Nein. Der elektrische Heizstab in der Wärmepumpe übernimmt diese Rolle automatisch und nahtlos. Er ist 6–9 kW stark und reicht für 1–5 Tage extreme Spitzenkälte pro Jahr. Eine separate Zweitheizung ist mit modernen Anlagen nicht mehr nötig.

Wie häufig schaltet die Wärmepumpe in den Abtaubetrieb?

Bei Außentemperaturen zwischen -5 °C und +5 °C friert der Verdampfer im Außengerät, weil Luftfeuchtigkeit dort kondensiert. Etwa alle 60–120 Minuten kehrt die Anlage den Kreislauf für 4–6 Minuten um. Das kostet ca. 5–10 % der Jahreseffizienz und ist normal – kein Defekt.

Was muss ich bei der Auslegung im Hinblick auf den Winter beachten?

Die Wärmepumpe muss auf die Norm-Außentemperatur deiner PLZ ausgelegt sein – meistens zwischen -10 °C und -16 °C. Eine 10 % Reserve oben drauf reicht. Wichtiger als ein größeres Gerät ist eine möglichst niedrige Vorlauftemperatur (durch Heizflächenoptimierung) und ein hydraulisch abgeglichenes System.

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